Schweizer Film – Muss das sein?

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Die Schweizer Filmpreise wurden eben verteilt. Da wurde mir wieder einmal bewusst, dass es so was wie einen Schweizer Film überhaupt gibt. Obwohl Vorsicht. Es gibt da sowas wie eine Filmszene in der französischen- und italienischen Schweiz. Aber in Zürich kriegt man viel mehr Deutschweizer Film um die Ohren geschlagen. Ich tue mir CH-Filme äusserst selten an. 1. Es gibt deren nicht viele. 2. Die Story interessiert mich meistens nicht. 3. Die Filme sind träge. Sie schleichen sich mühselig durchs Drehbuch. 4. Die Sexszenen sind für den Arsch.

 
Haben die Drehbuchschreiber keine Libido? Haben sie sich mal mit ihrer Sexualität je auseinandergesetzt? Sind sie zu verklemmt ihre („kranken“) Phantasien zu Papier zu bringen? Haben Angst vor ihren verborgenen „Perversionen“? Zufrieden mit sich selbst? Haben keine Ahnung, was sich draussen in der Welt abspielt? Wollen nirgends anecken? Oder haben ganz einfach keine Fantasie? Sind zu verwöhnt durch das Schweizer Filmsystem?

 
Ist mir eigentlich schnurz. Ich zieh sie mir einfach nicht rein.
Was für Filme schauen sich die Macher an? Haben sie sich schon dänische Filme angeguckt? Ich befürchte, dreistündige Kammerspiele in einem gottverlassenen Dorf in Anatolien, sind eher ihr Ding.

 
Was ist mit den Zuschauern welche ca. 22 Fr. abdrücken, sich unterhalten wollen und vielleicht ganz nebenbei den Schweizer Film unterstützen möchten?

 
Leben sie in der kinematischen Realität von heute? Oder befinden sie sich in einem Timeloop und kommen nicht mehr raus. Einfach zur Erinnerung: Eisenstein, Lang, Bergmann, Truffaut, Kieślowski,Angelopoulos, u.v.a. weilen nicht mehr unter uns. Andere treiben immer noch ihr Unwesen. Atom Egoyan ist einer davon, welcher mir besonders am Herzen liegt.

 
Warum machen sie keine Dokumentarfilme? Da kann man sich die Finger viel weniger verbrennen.

 
Mein leiser Verdacht: Die Filme spiegeln die Ängstlichkeit und die Hemmungen der Macher wider. Mein Vorschlag: Eine Psychotherapie hat noch niemandem geschadet. Meidet Filmschulen. Geht in Gefängnisse, Frauenhäuser, ins Puff, Notschlafstellen, ins Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer, in die Gerichte. Dort wo sich das reelle Leben abspielt. Verschont mich mit dem Wohlstandsgefasel.

 
Ein besorgter Kinogänger

The Wolfpack

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von Crystal Moselle

Stell dir vor, du lebst mit sechs Geschwistern in New York und verlässt nie die Wohnung. Der Einzige mit einem Schlüssel ist dein Vater.

Wie sind die sieben Geschwister überhaupt in diese Wohnung gekommen? Ihre Eltern haben sich auf dem Inka Trail in Peru kennengelernt. Er, Touristenführer, sie ein Landei aus dem Mittleren Westen. Er steht auf Haare-Krishna und möchte zehn Kinder von zehn verschiedenen Frauen. Zu zehn Frauen hat’s nicht gereicht aber immerhin zu sieben Kindern. Sechs Jungs und ein Mädchen. Sie alle tragen Namen aus der Krishna Mythologie. Er möchte nach Skandinavien, schafft’s aber nur nach New York. Arbeiten ist nicht sein Ding, da er nicht vom ‚System‘ vereinnahmt werden will. Wen wundert’s, die Frau muss die Kohlen aus dem Feuer holen. Sie unterrichtet die „Brut“ zu Hause und kriegt Knete vom Staat.

Die Wohnung ist ein organisiertes Chaos. Überall Instrumente, VHS, DVD Players. Die Jungs verbringen die Zeit ihre Lieblingsfilme in selbstgezimmerten Kostümen Wort für Wort nachzuspielen. Kleidungsmässig bleiben sie bei ‚Reservoir Dogs’ hängen. Weisse Hemden, schwarze Anzüge, Sonnenbrillen. Zugegeben. Ziemlich cool. Die in den Filmen abgebildete *Realität* ist ihre Nabelschnur zur „reellen Welt“. Ihre Kreativität bewahrt sie wohl davor im Nirvana zu erwachen.

Verblüffend ist ihre intellektuelle Fähigkeit, die eigene Situation eloquent und differenziert zu interpretieren. Dieses geschlossene System kriegt jedoch Risse. Der fünfzehnjährige Mukunda gelingt es nach und nach die Umgebung zu erkunden. Er tut dies das erste Mal mit einer weissen Maske, in der Hoffnung unerkannt zu bleiben. Seine Expedition endet in der Psychiatrie. Der Zug nicht mehr zu stoppen, seine Brüder sind mehr und mehr mit von der Partie. Diese Emanzipation bleibt nicht ohne Konsequenzen. Die Brüder wechseln kein Wort mehr mit ihrem Vater, da sie ihm die jahrelange Einschliessung nicht verzeihen.

Die Regisseurin Crystal Moselle begegnete den schwarz gekleideten Jungs auf der Strasse. Da sie alle die Liebe zum Film teilen, gelingt es Crystal Moselle ein Vertrauen aufzubauen. Sie begleitete die Familie während fünf Jahren. Es gelingt ihr einen faszinierenden Blick in eine „absurde“ Lebensform einzufangen.

Eine unglaubliche Geschichte, die uns Crystal Moselle erzählt. Ich hoffe, sie schaut mal nach, wie es den Jungs ergangen ist.

Trailer Link: https://youtu.be/x7G6xur3B5s?t=3

Genre: DOK: Gesellschaft & Mensch
Länge: 89 Min
Land, Jahr: USA, 2015
Sprachen: Englisch
Kamera: Crystal Moselle
Besetzung: Bhagavan Angulo, Govinda Angulo, Narayana Angulo, Mukunda Angulo, Krsna Angulo, Jagadisa Angulo, Visnu Angulo, Susanne Angulo, Oscar Angulo

Nichts passiert

 

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von Micha Lewinsky

Nichts passiert

Der Saal wird dunkel. Der Film beginnt. Ein Kerl sitzt in einem Sessel und spricht ins Leere. Er spricht über sich. Er habe seit längerem keinen Alkohol getrunken und auch sein kompulsives Verhalten hat sich gelegt. Es ginge ihm gut. Aus dem Off stellt ihm eine Frau Fragen. Wir sind in einer Therapiesitzung. Er scheint zufrieden mit sich und der Welt zu sein.

Wenn dem so ist, wäre das Drehbuch nie geschrieben worden.

Der Familienvater fährt mit Frau und Tochter in die Winterferien. Die beiden scheinen nicht besonders heiss auf die Ferien zu sein. Später steigt noch die Tochter seines Chefs mit ein. Er scheint der Einzige zu sein, der sich auf die Berge freut. Die beiden Teenager beschnuppern sich.

Im Chalet angekommen. Weder Licht, noch Heizung. Der Sohn des Vermieters hat verpennt das Haus vorzuwärmen. Er lädt die beiden Mädchen zu einer Party im Dorf ein. Seine Tochter ist Feuer und Flamme. Die Mutter ist strikt dagegen. Das hat dem Vater noch gefehlt. Am ersten Abend schon Zoff mit seiner Frau. Er versucht sich aus dem Schlamassel rauszuwinden. Müde von seiner lahmen Argumentation überlässt sie ihm die Entscheidung und Verantwortung. Die beiden Teenagers kommen doch noch zu ihrem Spass.

Der Vater holt die beiden von der Party ab. Seine Tochter ist an Ort und Stelle und stinke sauer auf die Tochter des Chefs. Von ihrer Schicksalsgefährtin ist weit und breit nichts zu sehen. Von hier ab schweigt der Erzähler.

Der Film nimmt seinen Lauf. Die Spannung steigt langsam aber stetig. Die Karten kommen langsam auf den Tisch. Der Vater entpuppt sich als autistischer Waschlappen. Nicht fähig eine eigene Meinung zu vertreten und durchzusetzen. Er will seine Ruhe. Doch das Leben tanzt nicht nach seiner Pfeife.

Der Film konzentriert sich auf die Höllenfahrt des Vaters. Der Konflikt mit seiner Frau und die Beziehung zur Tochter kommen ein wenig zu kurz. Schade. Hier hätte der Film an Intensität gewinnen können und die widersprüchliche Persönlichkeit des Vaters hätte an Schärfe zugenommen.

Der Film ist handwerklich gut gestrickt. Über die Schauspieler lässt sich nicht lästern. Der Zuschauer wird bei der Stange gehalten.

Der Film hätte es verdient den Weg in unsere Kinos zu finden.
Link Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=UC1e5NKlL8w

Genre: Drama
Länge: 92 Min
Land, Jahr: Schweiz, 2015
Sprachen: Deutsch, Schweizerdeutsch
Drehbuch: Micha Lewinsky
Besetzung: Devid Striesow, Maren Eggert, Annina Walt, Lotte Becker, Stéphane Maeder, Max Hubacher, Oriana Schrage, Beat Marti

Einer von uns

 

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von Stephan Richter

Der Film nimmt uns in die Hölle einer Vorstadt mit. In dieser Hölle wird nicht heiss gekocht. Ganz im Gegenteil. Die Mahlzeit wird auf kleinster Flamme zubereitet. Der Film lässt sich dementsprechend langsam an. In einer der ersten Einstellungen liegt eine Leiche zwischen den Regalen eines Supermarktes. Wie sie dort hingekommen ist, ist der MacGuffin des Films. Auf Deutsch; der Zuschauer wird gebeten bis zum Schluss zu bleiben um zu erfahren wer denn die Leiche auf dem Gewissen hat.

Der Supermarkt ist Dreh- und Angelpunkt im Film. Ein Vorstadtzug, welcher nie anhält und ein Flugzeug lassen erahnen, dass es noch was anderes als diese Ödnis geben muss. Auf dem Parkplatz lümmeln sich Teenager rum. Sie tun was Teenager nun mal so tun. Sie rauchen Gras, schlagen sich die Zeit tot und interessieren sich fürs andere Geschlecht. Die Teenager wie auch die Erwachsenen langweilen sich etwa so, wie auf einer Butterfahrt.

Diese Trostlosigkeit kriecht sich dem Zuschauer langsam unter die Haut. Das ist auch die Stärke des Films. Der Film schlägt einem diese depressive Tristesse 86 Minuten lang gekonnt um die Ohren. Die Erwachsenen schleichen wie Zombies durch den Film. Die Skizzierung der Teenager ist auf den Punkt gebracht. Das Drama pirscht sich auf leisen Sohlen an den Zuschauer.

Wer auf gut gemachtes atmosphärisches Kino steht, kommt hier voll auf seine Kosten.

Breaking A Monster

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 von Luke Meyer

Eins muss man den Amis lassen. Sie wittern den Dollar, wie die Geier das Aas.

Worum geht’s? Auf den Nenner gebracht. Wie lässt sich auf Kosten von Teenagern schnell Kohle machen? Headbangers werden wohl auf ihre Rechnung kommen. Mir ist der Film ein wenig sauer aufgestossen.

Nun, was wird uns gezeigt? Drei schwarze Teenager aus Brooklyn stehen auf Thrash Metal. Sie spielen am Times Square (NYC), schwupp wird das Video auf YouTube geladen. 1.5 Mio. Klicks später riechen die Majors den Reibach.

Aber der Reihe nach. Die drei sympathischen Jungs werden uns vorgestellt. Sie nennen sich ‚Unlocking The Truth’. Spielen können sie, ohne Zweifel. Ein abgehalfterter Produzent mit dünnem CV, welcher für den Disney Channel gearbeitet hat, kriegt Wind von der Sache, will auf der Hype Welle mitsurfen und wird deren Manager. Er verschafft ihnen Gigs, u.a. am Coachella Festival, als Opening Act für Metallica, Queens of the Stone Age, Motörhead, etc.. Notabene ohne eine Platte auf dem Markt zu haben. Sony offeriert ihnen einen 1.8 Mio. $ Vertrag. Die Apotheose dieser Schmierenkomödie spielt sich bei der Vertragsunterzeichnung am grossen Tisch bei Sony in L.A. ab. Die Manager reiben sich die Hände, während sich unsere drei Protagonisten mit Videogames vergnügen.

Die Story gäbe viel her. Der Macher vergeigt den Film von A-Z. Anstatt einfach draufzuhalten, hätte er die Handlung hinterfragen können, anstatt uns die ganze Arbeit machen zu lassen. Auch hätte ich mir gewünscht, ein wenig mehr von den drei Teenagers zu erfahren. Mich beschleicht das Gefühl, dass auch er auf den ‚Drei süsse schwarze Jungs spielen Metal‘ Zug aufgesprungen ist.

Wir leben im Zeitalter von Facebook, Twitter, WhattsApp und Konsorten. Da gilt es wohl die Konsumgewohnheiten des Zielpublikums nicht zu verstören.

Was im Film unerwähnt bleibt: für die erste Platte kriegen sie einen Vorschuss von 60‘000 $, müssen aber handkehrum 250’000 Platten absetzen um den Vorschuss abzudecken*. Praktisch Mission Impossible. Der Metal Markt gibt nicht mehr viel her, aber ein paar Kröten werden sich hier und dort noch generieren lassen.

P.S. Inzwischen versucht die Band aus dem Sony Deal wieder auszusteigen.

*http://www.theguardian.com/music/2015/jan/16/teen-musicians-henry-plotnick
Trailer Link https://youtu.be/lLxzKHg5ceI?t=7
Genre: DOK: Kunst & Kultur
Länge: 93 Min
Land, Jahr: USA, 2015
Sprachen: Englisch
Drehbuch: Luke Meyer, Brad Turner

Music: Unlocking the Truth
Besetzung: Malcolm Brickhouse, Jarad Dawkins, Alec Atkins, Alan Sacks, Noreen Jackson